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Aufsatz von Dr. Helmut Carstanjen »Die Sprachenfrage«[1]

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Marburger Zeitung 10./11.4. 1943. Einen kürzeren Aufsatz »Die Sprachenfrage in der Untersteiermark« verfasste Dr. Carstanjen schon ein Jahr früher und veröffentlichte ihn im Untersteirischen Heimatdienst, Sonderfolge, 12.4. 1942.

D i e S p r a c h e n f r a g e

Von Dr. Helmut Carstanjen

Die Sprachenfrage ist in der Geschichte der Untersteiermark zur Schicksalstrage dieses Landes geworden. Sie muss von der gegenwärtig lebenden Generation unbedingt gelöst werden.

Der Anstoss zu dieser Entwicklung liegt nicht in der Untersteiermark selbst. Trotz der Verschiedenartigkeit der Sprache hatte hier durch Jahrhunderte eine einheitliche Volksgemeinschaft bestanden. Der windisch sprechende Bauer fühlte sich dem deutschen Adeligen und Bürger unbedingt zugehörig. Sie alle gestalteten gemeinsam das Land und geben ihm das Antlitz, das es uns noch heute zeigt und dieses Antlitz ist deutsch. Gleiches Blut, gleiche Kultur und die gleiche Geschichte waren die Grundlagen, auf denen diese Gemeinschaft fusste. All ihre Impulse empfing sie vom deutschen Gesamtvolke und vom Reich. Die windische Mundart wurde lediglich als bäuerlicher Brauch, nicht aber als Ausdruck eines besonderen Volkstums gewertet. Niemand nahm daher an ihr Anstoss oder sah in ihr eine Gefährdung der nationalen Einheit.

Der Gegner jenseits der Grenze aber versuchte eben jene einzige Verschiedenartigkeit in der untersteirischen Bevölkerung zum Ansatzpunkt zu nehmen, um hier einen Keil zwischen ihre Teile zu treiben. Seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts waren die Hetzapostel aus Laibach und ihre wenigen bodenständigen Trabanten bemüht, den heimattreuen Untersteirern weiszumachen, dass sie auf Grund ihrer Sprache eigentlich »Slowenen« wären, dass sie sich deshalb von ihrer deutschen Führung trennen und einem landfremden slawischen Volkstum zuordnen müssten. Wenn auch der grösste Teil der Bauern und Arbeiter des Unterlandes gegenüber solchen Bestrebungen an den alten Gemeinschaftsbindungen festhielt, so war doch an die Stelle des einheitlichen Zusammenwirkens aller Kräfte des Landes nun ein hasserfüllter Kampf getreten und schliesslich gelang es dem Gegner sogar, durch Hinweis auf die sprachlichen Verschiedenheiten die tatsächlichen völkischen Zusammenhänge in der Untersteiermark derart zu verschleiern, dass das Land durch das Diktat von St. Germain unter die jugoslawische Fremdherrschaft gezwungen wurde.

Nun, da wir die alte Einheit wieder herstellen konnten, wissen wir sie hoch genug einzuschätzen, um die Lehren aus dem Erlebten zu ziehen. Die wiedergewonnene völkische Gemeinschaft soll in Zukunft eine vollständige werden, auch der letzte Unterschied zwischen ihren Gliedern, die Verschiedenartigkeit der Sprache, muss verschwinden. In Zukunft darf kein Feind mehr irgendwelche Möglichkeit finden, die Einheit unserer Heimat neuerdings anzutasten.

Es ist also nicht etwa eine Laune der Bundesführung des Steirischen Heimatbundes, wenn sie immer wieder die Parole herausstellt: Lerne Deutsch - sprich Deutsch! Unser unverrückbares Ziel ist die Einsprachigkeit der Untersteiermark. Jeder heimattreue Untersteirer muss begreifen, dass es sich bei dem von ihm geforderten Sprachwechsel nicht um das Bestreben handelt, ihm eine liebe alte Gewohnheit, seine Mundart, zu nehmen, sondern, dass diese um etwas grösseren willen geopfert werden muss.

Die bereits in den beiden ersten Jahren nach der Befreiung auf dem Sprachsektor erzielten Erfolge sind ausserordentlich zufriedenstellend und zeugen allgemein von weitreichendem Verständnis der heimattreuen Bevölkerung gegenüber den getroffenen Massnahmen. Die Zahl der Menschen, die sich in der Untersteiermark ausschliesslich der deutschen Sprache bedienen, ist heute annähernd wieder ebenso gross, wie zur Zeit vor 1918. Noch bedeutsamere Fortschritte wurden bezüglich der deutschen Sprachkenntnisse gemacht: >während zur jugoslawischen Zeit kaum noch ein Drittel der Bevölkerung deutsch verstand, sind heute bereits wieder rund zwei Drittel der Untersteirer in der Lage, einer deutschen Anrede zu folgen. Besonders augenfällig wird die Entwicklung beim Vergleich der Deutschkenntnisse der Schulkinder. Das Ergebnis der jugoslawischen Erziehung spiegelt sich in der Tatsache, dass nur 0,97 v. H. aller untersteirischen Schulkinder zur Zeit der Befreiung des Landes die deutsche Sprache beherrschten. Heute dagegen kann bereits in allen Schulen ein nahezu normaler deutscher Unterricht durchgeführt werden. Trotzdem bleibt die grösste Arbeit zur Lösung der Sprachenfrage noch der Zukunft vorbehalten.

Bei Betrachtung der wesentlichsten Erfordernisse in diesem Zusammenhange soll von Elementen abgesehen werden, die auch heute noch aus grundsätzlichen Erwägungen das Erlernen oder den Gebrauch der deutschen Sprache ablehnen. Sie werden zum gegebenen Zeitpunkt festgestellt und rücksichtslos aus unserer Gemeinschaft ausgeschieden werden.

Die Schwierigkeiten liegen aber gar nicht im willensmässigen, sondern vor allem in der Überwindung der Gewohnheit. Vielen gelingt es rascher, sich ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache zu erwerben, als sich nachher auch im engeren Bekannten- und Familienkreise vollkommen von der bisher gesprochenen Mundart loszusagen.

Es muss daher allen Dingen besondere Beachtung geschenkt werden, die die Überwindung dieser Gewohnheit erleichtern. Aus der Praxis seien dafür einige Beispiele genannt: Dem Brauche der Vergangenheit folgend, sprechen heute noch viele Arbeitgeber, die in ihrer eigenen Familie ausschliesslich die deutsche Sprache verwenden, mit ihren Arbeitnehmern, vor allem den Winzern, den Hausgehilfinnen, den Knechten und Mägden, in windischer Mundart. Der ausschliessliche Gebrauch der deutschen Sprache muss künftighin in diesem Zusammenhange im Hinblick auf die Lösung der Sprachenfrage unbedingt gefordert werden! Zum anderen müssen nicht nur die Beamten und Angestellten der verschiedenen Dienststellen, sondern auch sämtliche Gewerbetreibende und Kaufleute es sich zur Pflicht machen, mit allen jenen, die auch nur über einige deutsche Sprachkenntnisse verfügen, ausschliesslich in deutscher Sprache zu reden. Dies gilt vor allem im Gespräch mit Kindern. Schliesslich müssen auch die bisher üblichen slawischen Koseformen der Vornamen der Kinder in kürzester Zeit restlos verschwinden. Wenn der bisher »Fran-èek« gerufene Junge allgemein nur mehr Franzl, die »Micika« aber Mitzi genannt wird, wird sich schliesslich auch die eigene Mutter dieser Gepflogenheit anpassen.

Auf das Hineinwachsen der Frau in die neuen Sprachzusammenhänge muss überhaupt die grösste Sorgfalt verwendet werden. Es ist für die Frauen zumeist schwieriger wie für die Männer, die im Berufsleben weiter herum kommen, sich ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache zu erwerben, auf der anderen Seite ist es aber immer wieder die Frau, die in erster Linie die Sprache bestimmt, die im engsten Familienkreise gesprochen wird.

Die Entscheidung in der Sprachenfrage fällt jedoch nicht in der Ebene der Erwachsenen, sondern in der Ebene der Jugend. Verschiedene ältere Menschen werden auch bei bestem Willen bis zu ihrem Lebensende nicht mehr zu einer vollkommenen sprachlichen Umstellung kommen können. Es liegt in der Natur der Sache, dass ihnen gegenüber kein allzukritischer Masstab angewendet werden kann. Keinerlei Kompromisse kann es dagegen in allen sprachlichen Fragen geben, die die heranwachsende Jugend betrifft. Die wichtigste Forderung, die daher auch an die Erwachsenen zu stellen ist, geht dahin, auch von sich aus nach besten Kräften alles zu fördern, was der vollkommenen Übernahme der deutschen Sprache durch die Jugend dient.

Aber nicht nur zwischen Alter und Jugend gibt es Verschiedenheiten in den Voraussetzungen für die Übernahme der deutschen Sprache, sondern ebenso auch zwischen Stadt und Land. Während z. B. Marburg a. d. Drau bereits heute wieder als deutschsprachige Stadt anzusehen ist, wird es sicher noch längere Zeit dauern und erheblicher Anstrengungen bedürfen, um die deutsche Sprache etwa in den Bergketten nördlich der Sawe dauernd zu verankern. Dementsprechend werden da und dort auch die Forderungen, die bereits heute an die Bevölkerung gestellt werden können, verschiedene sein. Wer sich künftighin noch in Marburg, Pettau, Cilli, der Sprachinsel von Mahrenberg und Hohenmauten, dem Abstaller Feld und seiner Umgehung, wie dem Ansiedlungsgebiet der Kreise Trifail und Rann einer anderen Sprache als der deutschen bedient, setzt sich der Gefahr aus, dass ihm dies als Böswilligkeit ausgelegt wird. In den übrigen Gebieten dagegen wird zunächst noch ein längerer Spielraum zum Erwerb und zur Vervollkommung der deutschen Sprachkenntnisse einzuräumen sein. Hier muss das nächste Ziel darin gesehen werden, die alten, zum Teil verschütteten deutschen Sprachinseln wieder erstehen zu lassen und sie danach allmählich miteinander zu verbinden. In diesem Zusammenhange erscheint es also besonders wichtig, in Kürze eine Sprachbrücke zwischen Marburg und seiner Umgebung über das Gebiet von Egidi i. d. Büheln zum geschlossenen deutschen Sprachgebiet herzustellen. Das gleiche gilt von der Verbindung zwischen Mahrenberg und Hohenmauten und dem deutschen Sprachgebiet südlich von Eibiswald. Auf diese Weise müssen die alten Sprachgrenzen ebenso aus dem Bild der Steiermark ausgetilgt werden, wie die Zwangssgrenze von St. Germain. Durch die allmähliche Verschmelzung der einzelnen Sprachinseln werden schliesslich gewisse isolierte Rückzugsgebiete der windischen Mundart entstehen, die dann konzentrisch zu durchsetzen, zu zerlegen und schliesslich aufzusaugen wären.

Unsere Aufgabe besteht heute darin, durch unsere Systematik einen Vorgang, der vordem Jahrhunderte in Anspruch genommen hätte, nunmehr auf den kürzesten Zeitraum zusammenzudrängen

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Marburger Zeitung 10./11.4. 1943. Einen kürzeren Aufsatz »Die Sprachenfrage in der Untersteiermark« verfasste Dr. Carstanjen schon ein Jahr früher und veröffentlichte ihn im Untersteirischen Heimatdienst, Sonderfolge, 12.4. 1942.

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